19. Februar 2020

Experteninterview „Mangelernährung im Alter“

„Die Bevölkerung ist für das Thema Mangelernährung kaum sensibilisiert“

Der 14. Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V. (DGE) hat gezeigt, dass rund ein Viertel aller Patienten in Krankenhäusern mangelernährt ist. Ein Zustand, der dringend verbessert werden muss. Dr. Thomas Reinbold ist Direktor der Geriatrie am Klinikum Dortmund und hat einen direkten Blick auf die Praxis. Im Interview verrät er uns, was die krankheitsbedingte Mangelernährung ausmacht und was es so wichtig macht gegen sie vorzugehen – sowohl im Krankenhaus als auch außerhalb davon.

Herr Dr. Reinbold, warum ist Mangelernährung (im Krankenhaus) so ein verbreitetes Problem?

Unabhängig vom aktuellen DGE-Ernährungsbericht zeigen zahlreiche Studien, dass in Deutschland rund 25 Prozent aller Patienten, die im Krankenhaus aufgenommen werden, krankheitsbedingt mangelernährt sind. Auch ich kann diese Zahl durch meine Arbeit im Krankenhaus bestätigen. Im geriatrischen Bereich liegt die Zahl noch einmal höher. Das Problem gerade bei älteren Personen ist, dass sie meistens nicht nur eine, sondern viele verschiedene Erkrankungen haben und das potenziert sich dann letztendlich und verstärkt dadurch noch zusätzlich das Problem der Mangelernährung.

Dr Thomas Reinbold

Dr. Thomas Reinbold, Direktor der Geriatrie am Klinikum Dortmund

Was sind Ursachen von Mangelernährung im Alter?

Es gibt ganz verschiedene Ursachen, warum ein Patient letztendlich mangelernährt ist bzw. wird. Gerade im geriatrischen Bereich spielt das Thema Kognition, also Demenz, aber auch Depression eine große Rolle. Doch auch andere Krankheiten können eine Mangelernährung als Folge haben, z.B. der Zustand nach einem Schlaganfall oder einer Hirnblutung; oder der Patient hat einen Oberschenkelhalsbruch erlitten und kommt danach nicht wieder richtig auf die Beine und kann sich dadurch nicht vernünftig ernähren. Auch internistische Erkrankungen wie eine kardiale Kachexie, also der Gewichtsverlust infolge einer chronischen Herzinsuffizienz, oder eine Niereninsuffizienz mit Dialysepflichtigkeit können dazu führen.

Warum ist es so wichtig Mangelernährung zu erkennen und gegen sie vorzugehen?

Mangelernährte Personen haben ein erhöhtes Risiko für Komplikationen und sie müssen in der Regel länger im Krankenhaus bleiben. Was ja generell schon kein schöner Zustand für den Patienten ist, denn unser Ziel ist es ja immer den Patienten möglichst genesen und in einem besseren Zustand zu entlassen. Bei mangelernährten Personen ist jedoch nach der Entlassung das Risiko recht hoch, dass sie innerhalb kürzester Zeit wieder aufgenommen werden müssen. Insofern ist es ganz wichtig, dass jeder Patient auf Mangelernährung gescreent wird, um ihn dann auch adäquat behandeln zu können und die gesamte Patientenversorgung zu verbessern.

Warum bleibt Mangelernährung häufig unerkannt?

Hier sehe ich vor allem zwei Gründe: Zum einen ist Deutschland was das Thema Ernährungsmedizin anbelangt noch nicht optimal aufgestellt. Im Klartext bedeutet das, dass in den Krankenhäusern häufig Ernährungsteams fehlen und es somit kein durchgängiges Screening auf Mangelernährung gibt. Hinzu kommt die mangelnde ärztliche Ausbildung in Bezug auf die Ernährungsmedizin. Zum anderen ist es aber auch die generelle Sensibilisierung der Gesellschaft. Schlägt man eine Frauenzeitung auf oder wirft einen Blick in die privaten Fernsehsender, finden Sie in der Regel nur Werbung für das Thema Abnehmen. Eine mangelhafte Ernährung ist selten bzw. nie Thema. Und ist die Bevölkerung nicht für das Thema sensibilisiert, ist es natürlich auch schwerer ein Bewusstsein dafür zu schaffen und zu erkennen, wann jemand mangelernährt ist.

Woran kann man denn eine Mangelernährung erkennen?

Da gibt es zum Beispiel eine Faustformel, was den ungewollten Gewichtsverlust in den letzten Monaten anbelangt: 5 Prozent in drei und 10 Prozent in sechs Monaten. Auch am Essverhalten kann man sehen, ob jemand weniger zu sich nimmt und ob es Sinn macht, den Hausarzt aufzusuchen. Der kann dann feststellen, ob mit der zurückgegangenen Nahrungsaufnahme vielleicht auch eine andere Erkrankung zusammenhängt. Neben Erkrankungen kann aber auch der finanzielle Aspekt eine Rolle spielen. Ältere Menschen mit einer schmalen Rente haben häufig nicht die Möglichkeiten sich adäquat zu ernähren – das ist dann natürlich ein zusätzliches Problem, das wir in Deutschland mittlerweile zunehmend haben.

Können Angehörige die Betroffenen unterstützen?

Auf jeden Fall. Das beginnt schon im Krankenhaus. Im Optimalfall wird der Angehörige über das Problem der Mangelernährung aufgeklärt, wenn sie im Krankenhaus erkannt wurde. Damit einher geht dann auch eine vernünftige Ernährungsberatung der Angehörigen – so handhaben wir es zum Beispiel bei mir in der Klinik in Dortmund. Das bedeutet zu erklären, was über eine normale, orale Ernährung, d.h. durch Energieanreicherung, erreicht werden kann. Konkret bedeutet das aufzuzeigen, warum man in so einem Fall eben nicht den fettarmen Joghurt, sondern einen Sahnejoghurt anbieten sollte. Darüber hinaus gilt es natürlich immer zu schauen, wie jeder einzelne Patient sich verhält. Die meisten Patienten sind eher tagesaktiv und bauen dann gegen Abend durch ihre Erkrankung ab. Da muss man dann sehen, dass das Frühstück oder das Mittagessen etwas üppiger ausfällt und dass man abends vielleicht eine Trinknahrung dazu stellt, weil der Patient es dann eben nicht mehr schafft noch so viel zu sich zu nehmen. Wichtig ist natürlich auch die regelmäßige Aufnahme von Nahrung und Flüssigkeit. Gerade im geriatrischen Bereich, wenn die Patienten vielleicht Kognitionsstörungen haben, dann vergessen sie auch einfach das Essen. Da muss man dann natürlich als Angehöriger hinterher sein. Doch hier tut sich das nächste Problem auf: Heutzutage haben wir nicht mehr die großen Familienverbünde, wo jeder auf den anderen achtet. Heute wohnt die Tochter in München, die Mutter in Dortmund und der Ehemann ist bereits verstorben. Das ist dann halt nicht so einfach.

Welche Faktoren können eine krankheitsbedingte Mangelernährung beeinflussen?

Also das wichtigste bei mangelernährten Patienten ist die ausreichende Zufuhr von Energie und vor allem Eiweiß. Das kann zunächst über den normalen, oralen Weg durch Energieanreicherung oder die Auswahl von eiweißreichen Produkten geschehen. Zusätzlich sollte die Ernährung natürlich auf den Patienten abgestimmt sein. Denn ältere Menschen, die vielleicht nicht mehr so gut kauen können oder eine Schluckstörung haben, benötigen Essen, das entsprechend in seiner Konsistenz angepasst ist. Wenn das nicht ausreicht, sollte man auch eine enterale Ernährungstherapie im Hinterkopf haben – damit ist die Einnahme von Trinknahrung gemeint. Da ist dann natürlich auch der Hausarzt gefragt diese zu verordnen. Denn letztendlich kann sich auch nicht jeder – da komme ich nun wieder auf das Geld zurück – die Trinknahrung leisten. Ein anderer wichtiger Faktor ist die korrekte Therapie seiner Krankheit. Worauf ich generell sehr viel Wert lege, ist das Thema Polypharmazie. D. h. der Patient bekommt eine Reihe von Medikamenten, die sich negativ auf die Ernährung auswirken können. Sei es durch eine Appetitminderung oder eine Mundtrockenheit. Das wird in meinen Augen häufig übersehen. Darüber hinaus ist gerade bei Mangelernährung im Alter eine ausreichende Vitamin D Gabe wichtig. Menschen, die mangelernährt sind, kommen häufig weniger an die frische Luft und tanken auch weniger Sonne, sodass sie schneller einen Mangel an Vitamin D bekommen. Das ist nicht nur schlecht für die Knochen, sondern fördert auch den Muskelschwund.

Inwieweit ist die Rücksprache mit dem Arzt bei der Einnahme von Trinknahrung wichtig und sinnvoll?

Im Prinzip ist die Zusammenarbeit zwischen Klinikarzt und Hausarzt die wichtigste Schnittstelle. Denn die Mangelernährung wird ja in der Regel in der Klinik diagnostiziert. Dadurch, dass die Patienten jedoch immer kürzere Verweildauern im Krankenhaus haben, ist es dringend notwendig, dass man sie vernünftig berät. Denn die Mangelernährung endet ja nicht bei der Entlassung. Da steht also der Klinikarzt in der Pflicht, den Patienten vernünftig an den Hausarzt überzuleiten, sodass der dann die notwendige enterale Ernährungstherapie weiter verordnen kann, sofern sie notwendig ist. In meinen Augen sollte das immer eine Mischung sein zwischen einerseits einer oralen Ernährung, was man auf natürlichem Wege ernährungstherapeutisch machen kann durch Energie- und Eiweißanreicherung auf der einen Seite und auf der anderen Seite dann noch unterstützend mit z.B. einer Trinknahrung.

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