05. Juli 2018

Experteninterview

Ab wann Untergewicht gefährlich ist

Übergewicht fällt eher ins Auge als eine Mangelernährung. Da die Symptome vielschichtig sind, bleibt sie oft verborgen. Worauf Betroffene und Angehörige achten sollten, erläutert Lars Selig, Leiter der Ernährungsmedizin an der Uniklinik Leipzig.

In Deutschland sind Übergewicht und Diät häufig Thema, Mangelernährung hingegen nur selten. Woran liegt das?

Mangelernährung fällt oft auf den ersten Blick kaum auf und ist nicht nur eine Frage des Gewichtes. Häufig haben mangelernährte Patienten aufgrund anderer Erkrankungen abgenommen und nehmen seltener am sozialen Leben teil. Dazu kommt die allgemeine Wahrnehmung: Zu übergewichtigen Personen haben die meisten eine klare Meinung, Menschen mit Übergewicht fallen daher stärker auf. Schlank zu sein, entspricht heute eher dem Schönheitsideal und wird nicht gesondert registriert.

Lars Selig

Lars Selig, Leiter der Ernährungsmedizin an der Uniklinik Leipzig

Inwiefern ist der BMI ein Hinweis auf eine Mangelernährung?

Der BMI-Verlauf ist ein wichtiger Indikator, um eine Mangelernährung zu erkennen. Er sollte allerdings nicht isoliert betrachtet werden, da es noch andere Einflussgrößen gibt, die eine Beurteilung ergänzen sollten.

Welche sind das?

Neben dem Ausmaß des Gewichtsverlaufes und dem aktuellen BMI gibt auch die Frage nach dem Essverhalten (Appetit, tägliche Essmenge, Konsistenz der Nahrung) Hinweise auf eine Mangelernährung. Hierzu bieten sich sogenannte Ernährungsscreenings an. Diese erfassen anhand von drei bis sechs Fragen innerhalb kurzer Zeit den Gewichtsverlauf und andere relevante Faktoren. Auch Blutwerte, wie z.B. der Eiweißparameter Albumin können einen Hinweis geben.

Was sind aus Ihrer Sicht die markantesten Symptome?

Ein BMI unter 18,5 und ein nicht unerheblicher Gewichtsverlust. Außerdem können verstärkt Müdigkeit, ein verändertes Hautbild, vermehrter Haarausfall, abnehmende Sehkraft oder eine gesteigerte Infektionsanfälligkeit entscheidende Hinweise sein.

Welche Personen sind besonders betroffen?

Mangelernährung tritt vor allem bei älteren Menschen und bei chronisch Kranken (z.B. Menschen mit einer Krebserkrankung) auf. Bei Senioren ist die Dunkelziffer mitunter hoch, da viele keine Angehörigen in der Nähe haben und somit die Hinweise nicht frühzeitig erkannt werden.

Welches sind die häufigsten Ursachen?

Bei älteren Menschen ist es oft Einsamkeit. Wenn der Ehepartner gestorben ist, dominiert die Trauer und die eigenen Bedürfnisse treten in den Hintergrund. Anderen fehlt vielleicht der Zugang zu einer ausreichenden Menge Lebensmitteln, wenn sie den Wocheneinkauf nicht mehr alleine bewältigen können oder sie haben abgenommen und die Zahnprothese sitzt aus diesem Grund nicht mehr richtig.

Was können die Folgen einer längeren Mangelernährung sein?

Im schlimmsten Fall können die Betroffenen sterben. Denn der Körper fährt seine Leistungsfähigkeit aufgrund der fehlenden Energiereserven drastisch herunter. Müdigkeit und Antriebslosigkeit sind die ersten Anzeichen. Die Muskulatur bildet sich zurück, dann gehen die Patienten nicht mehr zum Einkaufen und es beginnt eine Abwärtsspirale. Es können vermehrt Infekte auftreten, zudem erholt sich der Körper nach Erkrankungen immer langsamer.

Was können Angehörige tun, um die Betroffenen zu unterstützen?

Zunächst müssen sie die Ursachen erkennen. Das bedeutet, aufmerksam zu sein, denn anfangs sind es meist die kleinen Dinge, die später zu einer Mangelernährung führen. Manchmal fehlt einfach nur die Kraft, den Kartoffelschäler zu halten oder der Appetit, um regelmäßig ausreichend zu essen. Wenn die Nahrungsaufnahme beispielsweise aufgrund einer Krebserkrankung eingeschränkt ist, sollten die Patienten besonders energiereiche Lebensmittel bekommen oder Speisen und Gerichte mit Kalorien angereichert werden. Genügt das nicht für eine ausreichende Gewichtszunahme, kann Trinknahrung eine gute Ergänzung sein. Den Einsatz der energiereichen Trinknahrungen sollten die Angehörigen möglichst frühzeitig mit dem behandelnden Arzt besprechen, um Mangelzustände zu vermeiden. Trinknahrungen können vom Arzt unter bestimmten Bedingungen verordnet werden.

Wie lässt sich ein stärkeres Bewusstsein für ein gesundes Wohlfühlgewicht schaffen?

Das ist sehr schwierig, da es bereits ein großes Angebot zu Sport und gesunder Ernährung gibt. Zur Orientierung dienen auch die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Eine ungesunde Mangelernährung sollte in enger Absprache mit dem Hausarzt rechtzeitig verhindert werden. Ein Blutbild kann entsprechend Aufschluss geben und ist eine der Grundlagen für eine anschließende Therapie.

Definitionen Body-Mass-Index (BMI), Wohlfühlgewicht und Mangelernährung:

Der so genannte Body-Mass-Index (BMI) bildet das Verhältnis zwischen Körpergröße und -Gewicht ab und lässt Rückschlüsse auf Unter-, Über- und Normalgewicht zu.

Das Wohlfühlgewicht lässt sich nicht definieren, sondern hängt vom ganz persönlichen Empfinden ab. Manche Menschen fühlen sich mit leichtem Über- oder Untergewicht wohl und solange dies nicht unter einem BMI von 18,5 oder über einem von 30 liegt, ist keine Behandlung nötig.

Eine Mangelernährung ist zu drei Kriterien bestimmt. Zum einen liegt eine Mangelernährung vor, wenn der BMI unter 18,5 liegt. Zum anderen spricht man von einer Mangelernährung, wenn der Betroffene unter einem Gewichtsverlust von mehr als zehn Prozent in den letzten drei bis sechs Monaten leidet. Das dritte Kriterium ist eine Kombination aus beidem: Ein BMI unter 20 und dazu ein unbeabsichtigter Gewichtsverlust von mehr als fünf Prozent in den letzten drei bis sechs Monaten.

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